Giuseppe Verdi (Erbe / Villa Verdi)

Erster Teil – Verdis Testament und seine Intention: Die letzten Lebensjahre und die Entstehung seines Testaments

Als Giuseppe Verdi im Oktober 1899 sein 86. Lebensjahr vollendete, befand er sich in einer Lebensphase, die von tiefem Rückzug, persönlicher Trauer und zunehmender Einsamkeit geprägt war. Seine zweite Ehefrau Giuseppina Strepponi war November 1897 bereits verstorben, ebenso viele Menschen, die ihn über Jahrzehnte begleitet hatten. Nur wenige vertraute Persönlichkeiten blieben in seiner unmittelbaren Nähe: Arrigo Boito, Teresa Stolz, Giulio Ricordi und seine Adoptivtochter Maria Filomena.

In dieser Atmosphäre des Abschieds und der inneren Sammlung begann Verdi, über die Zukunft seines Lebenswerks und seines Besitzes nachzudenken, und spürte, dass sein irdisches Leben sich dem Ende zuneigen könnte, auch und wollte er sicherstellen, dass sein Vermögen und sein Besitz in einer Weise weitergegeben würden, die seinen Werten entsprach.

Das Testament vom 14. Mai 1900

Am 14. Mai 1900 verfasste Verdi in Mailand sein endgültiges Testament dass beginnt mit einer klaren und unmissverständlichen Erklärung:

„Dies ist mein Testament. Ich widerrufe hiermit jede frühere Anordnung und erkläre sie für unwirksam.“

Diese Eröffnungszeile zeigt, dass frühere Fassungen im Gespräch gewesen sein könnten. Sie unterstreicht zugleich Verdis Wunsch nach Klarheit und Ordnung — ein Charakterzug, der sich durch sein gesamtes Leben zieht.

Die zentralen Bestimmungen des Testaments

Verdi verfügte:

Fast sein gesamtes Vermögen, einschließlich aller zukünftigen Tantiemen aus seinen Werken,  sollte der von ihm und Giuseppina gegründeten Casa di Riposo per Musicisti in Mailand zugutekommen.

Diese Entscheidung war Ausdruck seiner tiefen Verbundenheit mit der musikalischen Gemeinschaft und seines Wunsches, älteren verarmte Musikerinnen und Musikern ein würdiger Lebenabend zu ermöglichen.

Zugleich bestimmte er:

Maria Filomena Verdi, seine Adoptivtochter zur Universalerbin seines gesamten Landbesitzes, der Villa Verdi und des Archivs.

Diese Entscheidung war nicht nur familiär motiviert, sondern auch Ausdruck seines Wunsches, dass die Villa und der Besitz in vertrauten Händen bleiben sollten.

Die Verpflichtung zur Bewahrung des Besitzes

Eine der wichtigsten, oft übersehenen Klauseln des Testaments lautet:

Maria Filomena sollte alles so belassen, wie Verdi es hinterlassen hatte.

Diese Verpflichtung ist von enormer Bedeutung. Sie zeigt:

Verdi wollte, dass die Villa und der Besitz als Einheit erhalten bleiben. Er wollte, dass die Villa nicht verändert, nicht zerstückelt, nicht verkauft wird.  Er wollte, dass sein Lebensumfeld, seine Arbeitsräume, sein Archiv und sein Land bewahrt werden.

Diese Klausel ist der moralische Kern des gesamten Erbes.

Die familiäre Vorgeschichte: Adoption und Bindung

Um die Bedeutung dieser Entscheidung zu verstehen, muss man die familiäre Vorgeschichte betrachten.

Kinderlosigkeit und Verlust

Verdi und Giuseppina Strepponi konnten keine gemeinsamen Kinder bekommen. Die Gründe wurden vielfach diskutiert, doch eines ist sicher: Beide litten darunter... Verdi verlor zudem seine beiden Kinder aus der Ehe mit Margherita Barezzi früh.

Die Adoption von Maria Filomena (1868)

Im Jahr 1868, Verdi war 55 Jahre alt, Giuseppina 53, entschieden sich beide, ein Kind zu adoptieren: Maria Filomena Verdi, die achtjährige Tochter eines Cousins Verdis.

Diese Adoption war ein Versuch, eine familiäre Kontinuität zu schaffen, die ihnen selbst verwehrt geblieben war.

Die spätere Distanz und die Rückkehr

Nach ihrer Heirat mit Alberto Carrara (1878) Sohn seinem Notar und Freund Angiolo, entfernte sich Maria Filomena zunehmend aus Verdis unmittelbarem Lebensumfeld. In Verdis Korrespondenz taucht sie über Jahre hinweg kaum noch auf.

Erst als Giuseppinas Gesundheitszustand sich 1897 dramatisch verschlechterte, kehrte Maria Filomena zurück — und blieb bis zu Verdis Tod an seiner Seite.

Diese Rückkehr war für Verdi emotional bedeutsam und prägte seine testamentarische Entscheidung.

Die Intention des Testaments: Bewahrung, Kontinuität, Verantwortung

Verdis Testament ist kein rein juristisches Dokument. Es ist ein Ausdruck seiner tiefsten Werte: Ordnung, Kontinuität, Bewahrung,  Verantwortung gegenüber der musikalischen Gemeinschaft, Respekt vor dem eigenen Lebenswerk

Er wollte:

dass sein Besitz nicht zerstückelt, nicht kommerzialisiert, nicht verändert, nicht vernachlässigt wird.

Er wollte, dass die Villa Verdi ein Ort bleibt, der seine Lebenswelt bewahrt — ein Ort der Erinnerung, der Kultur und der Geschichte.

Warum dieser Teil so wichtig ist?

Dieser erste Teil bildet das Fundament für alles, was später geschah: den Zerfall des Besitzes, die Verkäufe, die Museumseinnahmen, den Erbstreit, die Enteignung, und die heutige Situation.

Nur wenn man versteht, was Verdi wollte, kann man begreifen, was verloren ging.  (Weiterlesen... klicke hier)