Archivo Storico Ricordi (Mailand)
Giulio Ricordi und die Genese des Archivio Storico Ricordi
Die Beschäftigung mit dem in der Biblioteca Braidense (Mailand) verwahrten Archivio Storico Ricordi führt zwangsläufig zu Giulio Ricordi (1840–1912) als einer der zentralen Figuren der italienischen Musikverlagsgeschichte. Als Sohn von Tito Ricordi und Enkel des Verlagsgründers Giovanni Ricordi repräsentierte er die dritte Generation einer Familie, die das italienische Musikleben des 19. und frühen 20. Jahrhunderts maßgeblich geprägt hat.
Die Beziehung Verdi – Ricordi: eine Verbindung über drei Generationen
Die Verbindung zwischen Giuseppe Verdi und dem Verlag Ricordi reicht weit vor Giulio Ricordi zurück, denn bereits Giovanni Ricordi (1785–1853), der Gründer des Hauses, und später sein Sohn Tito Ricordi (1811–1888) standen mit Verdi in engem geschäftlichen und persönlichen Austausch. Und demzufolge entwickelte sich diese Beziehung über Jahrzehnte zu einer außergewöhnlich dichten Korrespondenz, die in Umfang und Bedeutung im 19. Jahrhundert kaum ihresgleichen hat. Nach heutigem Forschungsstand ist deswegen davon auszugehen, dass zwischen dem Bären von Busseto und den drei Generationen der Familie Ricordi zwischen 2.500 und 3.000 Briefe, Mitteilungen und Telegramme ausgetauscht wurden. Diese Dokumente umfassen:
Vertragsverhandlungen und Aufführungsabsprachen
Diskussionen über musikalische Details und Revisionen
organisatorische Fragen zu Uraufführungen
persönliche Mitteilungen, Bitten und Empfehlungen
Reflexionen über das italienische Musikleben.
Und... die Korrespondenz ist übrigens nicht nur ein Zeugnis der Zusammenarbeit zwischen Komponist und Verlag, sondern bildet auch eine Schlüsselquelle für die Entstehungsgeschichte nahezu aller Verdi‑Opern ab Nabucco.
Giulio Ricordi als Architekt des historischen Archivs
Giulio Ricordi war eine vielseitig gebildete Persönlichkeit: Schriftsteller, Maler und Komponist (so schrieb er u. a. die Operette La Secchia Rapita unter dem Pseudonym Jules Burgmein). Seine besondere Begabung lag jedoch im strategischen und organisatorischen Ausbau des Verlagshauses, das unter seiner Leitung eine bis dahin unerreichte Blütezeit erlebte.
War in diesem Sinne das Haus Ricordi um 1850 ausschließlich in Mailand tätig, so kamen ab 1860 Neapel, 1865 Florenz, 1871 Rom, 1878 London, 1881 Palermo und 1888 Paris dazu. Parallel dazu initiierte und leitete Giulio Ricordi ab 1866 die Gazzetta Musicale di Milano, eine der bedeutendsten musikpublizistischen Plattformen Italiens. Weiter trug er mit der Gründung der Società Orchestrale del Teatro alla Scala im Jahr 1879 wesentlich zur Professionalisierung des Scala‑Orchesters bei.
Die Archivierungspraxis: Grundlage des heutigen Archivio Storico Ricordi
Von herausragender Bedeutung ist Ricordis Beitrag zur Entstehung eines historisch einmaligen Verlagsarchivs. Seit 1858, dem Jahr seiner Übernahme der Geschäftsführung, ließ er nämlich sämtliche eingehenden Briefe, Partituren, Vertragsunterlagen, ikonographischen Materialien und internen Korrespondenzen systematisch archivieren; es spricht selbstverständlich für sich, dass auch alle vor dem genannten Jahr eingetroffenen Materialien berücksichtigt wurden. Und damit wurden auch die umfangreichen Verdi–Ricordi‑Korrespondenzen vollständig in das Archiv aufgenommen. Sie bilden heute einen der bedeutendsten Bestände des Archivs und sind für die Verdi‑Forschung von zentraler Bedeutung.
Das Archivio Storico Ricordi umfasst heute über 1,5 Millionen Dokumente, darunter Autographe und Partituren, Libretti und Regiebücher, Korrespondenzen mit Komponisten, Librettisten und Theaterimpresarios, Vertragsunterlagen und Geschäftsbücher, Bühnenbild‑ und Kostümentwürfe sowie ikonographische Sammlungen.
Nach Giulio Ricordis Tod im Jahr 1912 führte sein Sohn Tito Ricordi die Leitung des Verlages fort und setzte die Archivierungstradition ebenfalls in gleicher Konsequenz fort.
Kontakt: E‑Mail sekretariat(at)igvs(dot)eu oder auch telefonisch +49 160 94177433
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