Archivio Storico Ricordi / Bertelsmann

Deutscher Bertelsmannkonzern seit 1994 Eigentümmer der Ricordi Verlag und das "Archivio Storico Ricordi"

Warum konnte es soweit kommen?

Die Übernahme der traditionsreichen Casa Ricordi durch der Bertelsmannkonzern war kein isoliertes Ereignis, sondern der Endpunkt einer jahrzehntelangen Entwicklung, die das Verlagshaus wirtschaftlich, strukturell und strategisch zunehmend unter Druck gesetzt hatte. Um trotzdem zu verstehen, warum Ricordi dem Verkauf zustimmte, muss man die Lage des Unternehmens in den 1970er–1990er Jahren betrachten.

1. Der Niedergang eines Familienunternehmens nach 150 Jahren

Nach dem Tod von Tito II Ricordi (1919–1988) verlor das Unternehmen seine historische Führungspersönlichkeit, obwohl die Familie Ricordi über Generationen hinweg künstlerisch visionär,  geschäftlich geschickt und eng mit Komponisten wie Verdi, Puccini, Ponchielli, Boito  und viele anderen verbunden gewesen war. 

Doch ab den 1970er Jahren begann die Familienstruktur zu erodieren: interne Meinungsverschiedenheiten, eine fehlende langfristige Strategie, zunehmende Abhängigkeit von externen Investoren und Ve ust der verlegerischen Identität... kurz und gut...  die Casa Ricordi war plötzlich "nicht mehr" das selbstbewusste, innovative Haus des 19. Jahrhunderts, sondern ein Verlag, der sich im internationalen Markt sehr  schwer tat.

2. Massiver wirtschaftlicher Druck

Die Musikverlagsbranche veränderte sich nämlich stets radikaler... Rückgang der Verkauf klassischer Opernausgaben, steigende Kosten für die Archivpflege und Rechteverwaltung und darüber hinaus der Dominanz großer multinationaler Medienkonzerne, Digitalisierung und neue Lizenzmodelle machten immer mehr zu schaffen. Oder anders gesagt... Ricordi war zwar ein mittelgroßer Verlag, konnte aber hinsichtlich  Konzerne wie EMI, Universal und Warner kaum noch bestehen.

Ab den späten 1980er Jahren wurde dan klar: Ricordi könnte allein nicht überleben. Das Unternehmen war finanziell angeschlagen, die Liquidität begrenzt, und so blieb die Familie nichts anderes übrig  als sich nach atraktiver  Käufer umzusehen.

3. Der entscheidende Punkt: Ricordi war bereits nicht mehr vollständig in Familienhand.

Dies ist oft unbekannt, aber trotzdem historisch entscheidend... das während dieser Zeit bereits Teile des Unternehmens an Fininvest (Berlusconi‑Gruppe) und andere Investoren verkauft worden waren und demzufolge  die Familie Ricordi nicht mehr über die volle Kontrolle verfügte. Und deswegen  war der Verkauf nicht nur eine Familienentscheidung, sondern auch eine Entscheidung der Eigentümerstruktur, die eine Lösung suchte. So war damit  nder Weg für eine Übernahme durch einen internationalen Konzern offen.

4. Warum Bertelsmann als Käufer akzeptiert wurde...

Bertelsmann war für die Eigentümer attraktiv, weil der Konzern: finanziell stark war, internationale Reichweite hatte,  Erfahrung im Musik‑ und Medienbereich besaß, eine langfristige Strategie für klassische Musik entwickelte hatte und bereit war, das Archiv zu erhalten und zu digitalisieren. Und darüber hinaus hatte Bertelsmann bereits am Anfang der Verkaufsverhandlungen garantiert keine  Arbeitsplätze zu Opfern -in Italien sehr wichtig- der Archiv nicht zu zerschlagen und die Marke Ricordi international zu stärken. Bertelsmann bot also Stabilität, Kapital und Zukunftsperspektive — etwas, das Ricordi selbst nicht mehr konnte. Historisch und nüchtern formuliert — Ricordi war als unabhängiges Unternehmen nicht mehr lebensfähig. Es war aber trotzdem kein dramatischer Zusammenbruch, sondern viel mehr ein langsamer, struktureller Niedergang der über Jahrzehnte angehalten hatte. So war der Verkauf die logische Konsequenz dieser Entwicklung. Denn ur ein großer Medienkonzern konnte Ricordi noch retten.