Verdi Erbe (Funfter Teil)
Der Erbstreit, das verschwundene Testament und die Millionenforderung der Erben
Ein Jahrhundert familiärer Spannungen und die juristische Eskalation nach 2001
Als Alberto Carrara‑Verdi (Enkel von Maria Filomena) im Jahr 2001 starb, endete nicht nur die letzte Generation, die den Besitz direkt aus der Linie von Verdis Adoptivtochter geerbt hatte; es begann dadurch auch eine neue Phase, die die Villa Verdi und ihr Erbe in eine der kompliziertesten juristischen Auseinandersetzungen der jüngeren italienischen Kulturgeschichte führen würde.
Der Konflikt, der sich durch diese Auseinandersetzungen entfaltete, war jedoch nicht plötzlich entstanden. Vielmehr war er das Ergebnis jahrzehntelanger familiärer Spannungen, unterschiedlicher Vorstellungen über Besitz und Verantwortung sowie einer Verwaltungstradition, die über Generationen hinweg nie öffentlich kontrolliert worden war.
1. Der Streit zwischen Angiolo Carrara‑Verdi und seinen Schwestern
Nach Albertos Tod übernahmen dessen Kinder — Angiolo und seine drei Schwestern Maria‑Mercedes, Ludovica und Emanuela (verstorben 2020) — gemeinsam den verbliebenen Besitz: die Villa Verdi, den rund 7 Hektar großen Park, alle im Haus verbliebenen Gegenstände sowie das aus dutzenden Tausend Handschriften bestehende Archiv Verdis. Schon kurze Zeit danach wurde deutlich, dass sich die Geschwister nicht über die Verwaltung, die Nutzung, die Museumseinnahmen, die Zukunft der Villa und die Frage, wie das Erbe Verdis zu bewahren sei, einigen konnten.
Darüber hinaus informierte etwa zur gleichen Zeit Gabriella Carrara‑Verdi, die Schwester Albertos, mehrere Personen aus ihrem Umfeld darüber, dass ihr Bruder ein Testament verfasst habe, in dem er seinen Sohn Angiolo als Alleinerben bestimmte ; dass es daher unmöglich sei, Albertos vier Kindern gemeinsam die Villa und den Park anzuvertrauen.
Der Konflikt war geboren.
Rascher als je gedacht kam es zu gegenseitigen Vorwürfen, Drohung juristischen Schritten und darüber hinaus zu einer familiären Spaltung und Streit, über den später in den italienischen Medien häufiger berichtet wurde, als den Beteiligten lieb gewesen sein dürfte.
2. Das verschwundene Testament – ein Rätsel von historischer Tragweite.
Das Testament Albertos war jedoch unauffindbar. Auch in Albertos Notarkanzlei befand es sich nicht, sodass man sich fragen muss, ob es je registriert wurde. Andererseits gilt das Fehlen eines Testaments auch in Italien nicht als illegal, doch insbesondere bei einem Besitz von hoher kultureller Bedeutung ist es extrem ungewöhnlich.
Wie es auch sei: Die Folgen waren gravierend, und es entstanden zwei — vielleicht sogar mehrere — „Kampflager“.
Lager 1:
Angiolo Carrara‑Verdi, unterstützt von seiner Tante Gabriella Carrara‑Verdi, die immer wieder behauptete, das Testament ihres Bruders zu kennen, aber trotzdem nicht wisse, was damit geschehen sei.
Lager 2:
Das „Kampfkollektiv“ der drei Schwestern Angiolos, wobei sich Emanuela stets sehr zurückhaltend zeigte.
Inwiefern das Ganze gesetzlich erlaubt war, und inwiefern Alberto Carrara‑Verdi als Notar in Busseto diesbezüglich rechtmäßig gehandelt hat — möglicherweise unter Nutzung von Gesetzeslücken — ist nicht Aufgabe der Internationalen Giuseppe Verdi Stiftung, da Sie nicht über die Kompetenz verfügt darüber zu urteilen.
Fest steht aber: Das Testament war unauffindbar bzw. verschwunden; so entwickelte sich ein „Krieg“ zwischen den genannten Parteien, der mehr als 20 Jahre dauern sollte — bitter wie kaum ein anderer und der ein Vermögen verschlungen hat (Gerichts‑ und Anwaltskosten), dessen Höhe wahrscheinlich für immer im Verborgenen bleiben wird. Und vielleicht würde dieser Konflikt auch heute noch weiter herrschen, wenn das Tribunal in Parma ihn nicht im September 2022 rechtlich beendet hätte.
3. Die Frage nach Verdis Testament von 1900
So muss man sich doch fragen, warum Verdi mittels seines endgültigen Testaments vom 14. Mai 1900 — einem teilweise wunderbaren und berührenden Dokument — seine nach dem Tod seiner Gattin Giuseppina (November 1897) plötzlich wieder aufgetauchte Adoptivtochter, mit der über viele Jahre zuvor kaum Kontakt bestanden hatte, zu seiner Universalerbin ernannte. Wäre es deswegen nicht viel besser gewesen, er hätte über die Gründung einer z.B. Landwirtschaftliche Stiftung nachgedacht — so wie er gemeinsam mit seiner Gattin Giuseppina bezüglich der Casa di Riposo auch für eine solche Struktur gewählt hat?
Wir werden es nie wissen.
Ebenso wenig werden wir wissen, warum Alberto Carrara‑Verdi — ein guter Mann, ein großer Verdi‑Freund, aber ziemlich leichtgläubig — seinen Sohn Angiolo zum Alleinerben ernannte und seine drei Töchter diesbezüglich vollständig ignorierte.
4. Die Millionenforderung der Erben
Fakt ist: Nach rund 20 Jahren Streit, schließlich zum Tode müde gestritten, wandten sich die Erben an den italienischen Staat und erklärten, die Villa Verdi mit allem, was dazu gehört, sei ein Kulturgut von nationaler, ja internationaler Bedeutung. Es sei daher besser, der Staat solle alles übernehmen; die Familie müsse dafür jedoch angemessen entschädigt werden. 30 Millionen Euro seien eine realistische Summe. Realistisch auch wegen der unzähligen verbliebenen Handschriften Verdis.
Doch der Kulturminister stellte fest: die Villa befinde sich in schlechtem Zustand, auch der Park sei nicht mehr wie einstund über das Archiv bestehe große Verwirrung, und die Erben hätten über Jahrzehnte hinweg hohe Einnahmen aus dem Museumsbetrieb erzielt.
Die Erben wollten dennoch nicht auf die 30‑Millionen‑Forderung verzichten. Und darauf erklärte der Staat sich bereit, 20 Millionen Euro einzubringen; weitere 10 Millionen sollten dann aber durch andere Quellen und private Spenden zufließen.
Doch der Plan scheiterte, folglich der Staat mit einer Enteignung drohte sollte keine Einigung erzielt werden.
5. Die Enteignung und das Ende des Konflikts
Was danach geschah, lässt sich kurz zusammenfassen: die italienische Regierung setzte das Enteignungsverfahren durch, den Erben wurde ein Entschädigungsbetrag von 8 Millionen Euro in Aussicht gestellt.
Ein jahrelanger, bitterer und menschlich unwürdiger Konflikt fand sein Ende. Die Villa wurde als Kulturgut von nationalem Interesse eingestuft.
Armer Verdi. (Weiterlesen Klicke hier)


